Manchmal gibt es Erlebnisse im Leben, die einen Menschen für immer verändern. Für mich war es eine Reise im Sommer 1988 in die damalige DDR. Was als Familienbesuch begann, wurde zum Ausgangspunkt meines politischen Engagements.
Eine Brieffreundschaft führte uns nach Sachsen
Unsere älteste Tochter hatte 1988 eine Brieffreundschaft mit einem Mädchen aus Pirna in Sachsen geschlossen. Als sie eingeladen wurde, dort die Sommerferien zu verbringen, standen wir zunächst vor einer schwierigen Entscheidung. Wir kannten die Familie nicht, und über die tatsächlichen Lebensverhältnisse in der DDR wussten wir wenig.
Wir nahmen Kontakt zu den Eltern auf. Schon bei den ersten Briefen entstand eine herzliche Verbindung, aus der sich später eine Freundschaft entwickelte, die bis heute besteht. Schließlich beschlossen mein Mann und ich, unsere Tochter persönlich nach Pirna zu bringen.
Eine Grenze zwischen zwei Welten
Wir fuhren mit unserem damals neuen Ford Scorpio in Richtung DDR. Schon die Grenzkontrollen waren für uns eine bedrückende Erfahrung. Unser Auto wurde gründlich durchsucht, wir mussten den Kofferraum ausräumen und unsere mitgebrachten Lebensmittel und Süßigkeiten vorzeigen.
Auch die Weiterfahrt blieb mir in Erinnerung. Die Straßen waren teilweise in einem schlechten Zustand. Unser modernes Auto fiel zwischen den Trabants und anderen Fahrzeugen auf. Die Menschen schauten uns neugierig an, während wir selbst immer stiller wurden. Es war, als würden wir mit jedem Kilometer tiefer in eine andere Welt fahren.
Begegnungen, die mich bis heute bewegen
Unsere Gastgeber empfingen uns mit einer Herzlichkeit, die ich niemals vergessen werde. Sie hatten sich große Mühe gegeben, uns willkommen zu heißen, und teilten großzügig das, was ihnen zur Verfügung stand.
Gleichzeitig erschütterten mich ihre Lebensumstände. Das Haus war seit Jahrzehnten kaum modernisiert worden. Die Treppenstufen waren ausgetreten, die Toilette befand sich im Treppenhaus. Besonders stolz zeigte uns die Familie ihre Badewanne in der Küche, die sie mit viel Mühe hatte einbauen lassen.
Was für unsere Gastgeber ein großer Fortschritt war, machte mir schmerzlich bewusst, wie unterschiedlich die Lebensbedingungen in den beiden deutschen Staaten waren.
Unsere Tochter war zunächst so erschrocken über die ungewohnte Umgebung, dass sie am liebsten wieder mit uns zurückgefahren wäre. Schließlich blieb sie aber doch und verbrachte zwei schöne Wochen bei ihrer Brieffreundin.
Drei Stunden auf einer Polizeistation
Ein Erlebnis hat sich besonders tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Wir mussten uns bei der örtlichen Polizeistation anmelden. Dort ließ man uns stundenlang warten. Ich wurde zunehmend ungeduldig und ärgerlich und wollte meinem Unmut Luft machen.
Doch unsere Gastgeber reagierten voller Angst. Sie baten mich eindringlich, nichts zu sagen und mich nicht zu beschweren. Diese Angst vor den staatlichen Ordnungskräften erschütterte mich mehr als alles andere. Ich konnte kaum begreifen, dass Menschen sich nicht trauten, eine aus meiner Sicht völlig berechtigte Frage zu stellen.
Nach ungefähr drei Stunden erhielten wir endlich die erforderlichen Stempel in unseren Pässen. Ich empfand diese Behandlung als demütigend. Noch bedrückender war für mich aber die Erkenntnis, wie sehr die Menschen gelernt hatten, sich gegenüber staatlichen Stellen zurückzunehmen und lieber zu schweigen.
Die Rückreise – und Tränen in einer Bäckerei
Als mein Mann und ich ohne unsere Tochter die Rückreise antraten, waren wir lange Zeit nahezu sprachlos. Zu tief saßen die Eindrücke der vergangenen Tage.
Wieder zu Hause ging ich in unsere örtliche Bäckerei. Vor mir lag eine große Auswahl frischer Brote und Brötchen. Etwas, das ich bis dahin als vollkommen selbstverständlich angesehen hatte. Plötzlich musste ich weinen.
Ich dachte an unsere Gastgeber, an ihre Vorratshaltung, an die eingeschränkten Einkaufsmöglichkeiten und an all die Dinge, über die wir im Westen kaum nachdachten. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie wenig selbstverständlich Freiheit, Wohlstand und persönliche Entfaltungsmöglichkeiten sind.
Der Beginn meines politischen Weges
Diese Reise hat mich politisch wachgerüttelt. Ich begann, mich intensiver mit der deutschen Teilung und den politischen Verhältnissen auseinanderzusetzen. Vor allem die Frage der deutschen Wiedervereinigung beschäftigte mich.
Ich wollte nicht länger nur beobachten, sondern selbst politisch aktiv werden. 1989 trat ich schließlich einer Partei bei und begann meinen politischen Weg. Die Wiedervereinigung Deutschlands wurde zu einem meiner größten persönlichen Wünsche.
Dass dieser Wunsch bereits 1990 Wirklichkeit werden sollte, hätte ich bei unserer Reise nach Pirna niemals zu hoffen gewagt.
Was geblieben ist
Fast vier Jahrzehnte später bewegen mich diese Erinnerungen noch immer. Vor allem denke ich an die Menschen, die uns mit so viel Wärme und Gastfreundschaft aufgenommen haben, obwohl ihre eigenen Möglichkeiten begrenzt waren.
Unsere Freundschaft hat die deutsche Teilung überdauert und besteht bis heute.
Diese Reise hat mir gezeigt, wie wichtig Freiheit, Menschenwürde und persönliche Verantwortung sind. Sie hat mich gelehrt, politische Verhältnisse nicht nur nach Worten und Versprechen zu beurteilen, sondern danach, wie Menschen tatsächlich leben.
Pirna 1988 war der Anfang meines politischen Weges. Und dieses Erlebnis hat mich bis heute nicht losgelassen.
